Sundown Marathon - Singapur

Der Originalbericht von Paul Ramp vom Marathon in Singapur in der Nacht vom 28. auf 29. Mai 2016:

Es ist frühmorgen. Sehr früh. Meine Uhr zeigt 4 am. Trotzdem herrscht eine Luftfeuchtigkeit von ca. 85 %, dazu gefühlte 40°C. Nein, ich befinde mich gerade nicht in einer Sauna. Das Gefühl ist aber verblüffend ähnlich.

Vor einigen Monaten sitze ich bequem zu Hause in Otterfing. Wir haben gerade Winter und ich träume von Wärme, fernen Ländern, Abenteuer. Und ich bin gerade auf der Suche nach einem passenden Marathon in Asien für mein 7M7C Projekt. Der "Sundown Marathon", der größte Nachtmarathon Asiens, klingt verlockend. Ich kann nicht widerstehen, melde mich gleich an und so nimmt die Geschichte seinen Lauf.

Wir, Andreea und ich, haben inzwischen Ende Mai und es ist soweit. Wie immer fängt alles am Flughafen München an. Der Flug dauert lange. Über Dubai geht es nach Singapur. Nach 17 Stunden Ankunft in der Hitze. Was hier aber das Sagen hat, ist die Luftfeuchtigkeit. Das "füllt" die Luft im wahrsten Sinne des Wortes mit Wasser, das Atmen wird dadurch erschwert. Eine Herausforderung für jeden Europäer.

Die Stadt ist interessant und bietet viele Attraktionen. Die Marina Bay, Chinatown oder Little India sind ein absolutes Muss. Genauso wie das Changi Museum, eine Hommage an die Gefängnisinsassen von Changi während des zweiten Weltkriegs unter der japanischen Besatzung.

Wir versuchen uns, so gut es geht, zu akklimatisieren und verbringen jede Minute draußen. Ich kann mir kaum vorstellen, bei dieser Luftfeuchtigkeit laufen zu können. Wir wagen aber einen Versuch. Nach 6 km ist dann Schluss. Das ist wirklich unerträglich. Und ich soll hier in 2 Tagen einen vollen Marathon laufen?? Im Moment undenkbar.
Anscheinend sind aber die nächsten 2 Tage ausreichend einigermaßen zu akklimatisieren.

Denn mittlerweile zeigt meine Uhr, wie am Anfang erwähnt, 4 Uhr in der Früh. Aber sie ist eine Laufuhr und zeigt noch eine gerade gemessene Laufzeit. Soll das nun wirklich wahr sein oder träume ich? Da die Nacht aber fast vorbei ist, tendiere ich mehr zu der ersten Variante.

Vor 3:48 Stunden, um Mitternacht also, bin ich in den Kampf losgerannt. Ein europäisches Gesicht unter Tausenden von Japanern, Chinesen, Taiwanesen und anderen Asiaten.
Die erste Hälfte der Strecke führt an Marina Bay vorbei, alles ist hell und bunt erleuchtet, ja definitiv, die Asiaten mögen es bunt. Nach 1 km bin ich komplett durchnässt, das Atmen fällt richtig schwer. Irgendwie schaffe ich es aber meinen Rhythmus zu finden, klammere mich an einen Japaner und versuche an gar nichts zu denken. Ich laufe einfach wie ein Roboter, der aufs Laufen programmiert ist. Der Körper möchte den ganzen Mist nicht mitmachen. Der Kopf aber schon. Als Gegenleistung spende ich meinem Körper bei jeder Verpflegungsstation viel Wasser. Richtig viel Wasser. Ein Glück, dass alle 3 km eine Verpflegungsstation an der Strecke ist. Für mich ungewohnt, aber bitter nöttig.

Nach der Hälfte der Strecke haben sich die Läufer so dermaßen voneinander entfernt, so dass man das Gefühl hat ganz alleine zu laufen. Finde ich aber nicht schlimm. Ich beschäftige gern mein Gehirn mit verschiedesten Themen. Es hat mich noch nie im Stich gelassen. Auch diesmal nicht.
Körperlich tut inzwischen alles weh, man schwitzt aus allen Poren, die Schuhe sind so nass, dass sich am Fuss überall Blasen bilden. Die muss man sofort ignorieren, denn das Aufgeben ist keine Option.

Es wundert mich, dass ich kaum überholt werde. Es sind um die 5.400 Läufer bei dem vollen Marathon gestartet. Vor mir sind vielleicht etwa 50 Läufer ins Rennen gegangen, ich habe mich strategisch unter der Ersten an der Startlinie eingereiht. Als ich nach dem Rennen sehe, dass ich den Platz 55 von 5.336 Finishers belegt habe, platze ich vor Stolz. Es ist aber nicht nur das. Der 5-te Kontinent von meinem 7M7C Projekt ist somit auch geschafft.

Nächstes Jahr ist Australien dran. Das steht fest. Und wenn ich Unterstützung von einem Sponsoren bis dahin bekommen würde, vielleicht auch die Antarktis. Denn nur damit wäre ja mein ambitioniertes Projekt vollbracht.
Ich werde darum kämpfen.

Aber nun sitzen wir wieder im Flieger und sind unterwegs nach Hause. Die Andreea, meine Frau, hat auch ein zufriedenes, glückliches Gesicht. Sie ist in der Luftfeuchtigkeitshölle von Singapur den Halbmarathon gelaufen und musste die gleichen Hürden nehmen wie ich. Aber das Ganze hat sich mehr als gelohnt. Sie hat in in der gesamten Frauenkategorie den 7-en Platz belegt. In der HM Gesamtwertung kam sie auf Platz 61 von 6.287 Finishers.

Was aber am Ende am meisten zählt, ist diese großartige Erfahrung und das unverwechselbare Gefühl zu wissen, dass man erfolgreich an seine eigene Grenzen gegangen ist.

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